Italien 2019

Mit Baby reisen, es ist anders. Anstrengender, langsamer, man verlässt die Unterkunft erst, wenn das Baby seinen Mittagsbrei bekommen hat und man danach das komplette Zimmer renovieren musste, damit man beim Auschecken nicht erklären muss, woher denn die Karottenspritzer an der Decke herkommen. In Ruhe Essen gehen: Nope! Im Hotel ist neuerdings nicht mehr wichtig, BIS wann es Frühstück gibt, sondern AB wann. Spätestens, nachdem man im Auto 10 Minuten am Stück geklatscht und irgendeinen Käse gesungen hat, zweifelt man am eigenen Verstand. Man fällt abends totmüde ins Bett; nicht weil die Füße vom Städtetrip so weh tun, sondern weil die letzte Nacht schon so kurz war. Wenn der Zwerg nicht mehr in seiner Babyschale sitzen möchte, ist auch die Ankunftsverzögerung einer Ampellänge schon ein mittleres Drama.

 

Warum sollte man sich dann eine Reise mit Baby antun? Weil es auch aufregender und lustiger ist, man geht auf einmal mit offeneren Augen durch die Welt. Die klitzekleine Fliege an der Fensterscheibe ist auf einmal spannender als der Sonnenaufgang dahinter. Es gibt so viele neue „erste Male“ - zum ersten Mal sieht der Zwerg einen Esel (völlig unbeeindruckt), zum ersten Mal isst er beim Frühstück eine Reiswaffel (wo war dieser geile Scheiß mein ganzes Leben lang?!), zum ersten Mal Schiffchen fahren (unbeeindruckt!), zum ersten Mal am Bett hochziehen (warum haben wir zu Hause nicht so praktische Verzierungen am Kopfteil, die das Ganze einfacher machen?!). Und für uns am aller-tollsten: Zum ersten Mal 6 Stunden am Stück schlafen!

Da man außerdem nicht so lange am Stück Autofahren kann, haben wir schon in den vergangenen Monaten Orte in Deutschland gesehen, an die wir vermutlich nie gekommen wären. Auf dem Hinweg nach Stralsund hatten wir zum Beispiel einen Stopp in Wittenberg und auf dem Rückweg im Spreewald. Auf dem Rückweg vom Familienbesuch haben wir ein zauberhaftes Hotel im Spessart entdeckt. Man reist sehr viel langsamer und das ist wahrscheinlich die größte Umstellung für mich, die bisher immer Hummeln im Hintern hatte und die nie schnell genug von A nach B kommen konnte. Und ich möchte hier gar nichts beschönigen, in Ruhe essen gehen und abends gemütlich mit einem Cocktail in einer Bar sitzen, das fehlt mir tatsächlich ein bisschen. Aber zumindest das ein oder andere tolle Restaurant haben wir entdeckt.

 

Aber von vorne:

 

Da wir keine 7 Stunden durchfahren konnten und wollten, haben wir unsere Reise in vier Etappen geplant: Südtirol, Toskana, Lago d´Iseo und auf dem Rückweg nochmal Südtirol. So mussten wir maximal 3 ½ Stunden im Auto sitzen.

  

Erster Stopp: Ritten in Südtirol 

In Ritten waren wir vor zwei Jahren schon mal und wir fanden es wunderschön. Vor allem den „Patscheider Hof“, ein wunderschön gelegener Gasthof mit leckerem Essen und toller Sonnenterrasse in den Weinbergen mit Blick auf die Dolomiten. 

In Ritten haben wir uns ein Zimmer in einer Pension genommen und haben Tagesausflüge nach Bozen und Meran gemacht und direkt von unserer Pension konnten wir zu den Erdpyramiden laufen. Erdpyramiden sind Gesteinsformationen, die es am Ritten in den Dörfern Unterinn, Lengmoos und Oberbozen gibt, wir sind zu denen in Unterinn gewandert. Eine richtig schöne, leichte Wanderung und die Erdpyramiden sind definitiv einen Besuch wert.

Zweiter Stopp: Cerreto Guidi in der Toskana 

Hier ist mein erster Tipp schon mal unsere wunderschöne Unterkunft: Wir haben über zwei Wochen auf dem Weingut „Borgo Vigna Vecchia“ gewohnt, hatten dort eine schöne Ferienwohnung, viel Ruhe und eine tolle Zeit. Macht die Augen zu, stellt euch die Toskana vor und ihr wisst genau, wie es dort aussieht. Weinreben, Olivenbäume, ein zinnoberrotes Häuschen und mit Sandra und Antonella zwei herzliche Gastgeberinnen. Dazu gibt es immer wieder ein Dinner auf dem Weingut, bei dem man an langen Tischen mit sämtlichen anderen Gästen zusammen sitzt und lecker bekocht wird. Außerdem gibt es leckersten Wein, direkt von hauseigenen Weingut. Wir haben uns richtig wohl gefühlt und haben von „unserem Weingut“ aus Sternfahrten unternommen.

Florenz 

Hui…Florenz und ich hatten dieses Mal einen schwierigen Start. Vor 21 Jahren war ich hier auf Klassenfahrt und ich hatte Florenz als absolute Traumstadt in Erinnerung (damals dachte ich aber auch, Lambrusco aus dem Tetrapack wäre lecker), seit Jahren erzähle ich meinem Mann, wie wunderschön es dort ist und dass wir dringend mal zusammen nach Florenz müssen. Was soll ich sagen?! Florenz ist immer noch wunderschön, aber das weiß leider nicht nur ich, sondern auch Milliarden anderer Touristen und die pilgern alle in diese schöne Stadt und verstopfen alle Plätze, Brücken, Sehenswürdigkeiten. Keine Frage, ich bin eine von ihnen. Auch ich möchte ein Foto von der Kathedrale Santa Maria del Fiore und der Ponte Vecchio machen, aber ich war wirklich erschrocken, WIE viel in dieser Stadt los war. Hmmm…erstaunlicherweise ist Florenz also kein Geheimtipp. Ich muss aber ehrlicherweise dazu sagen, dass wir uns einen ziemlich ungünstigen Tag ausgesucht hatten, um ganz alleine durch die Straßen von Florenz zu wandern; In Italien war Brückentag, außerdem Osterferien in Deutschland und Italien. Vielleicht hätten wir auf die Idee kommen können, dass auch 2-3 andere Menschen auf die Idee kommen, nach Florenz zu fahren.

 

Also haben wir der Stadt eine Woche später nochmal eine Chance gegeben. Ja, es war wieder ziemlich voll, aber nicht mehr so schlimm wie bei unserem ersten Besuch. Die große Liebe ist es nicht mehr zwischen Florenz und mir, aber ich mag die Stadt zumindest wieder. Es ist wie bei einem Exfreund, mit dem es im riesigen Streit auseinander gegangen ist. Irgendwann spricht man sich nochmal aus und kann sich danach zumindest wieder in die Augen sehen, wenn man sich zufällig begegnet. Ich muss also nicht mehr „geplant“ nach Florenz fahren, aber wenn ich in der Nähe bin, würde ich durchaus mal auf einen Kaffee vorbeischauen.

 

Bei unserem zweiten Besuch in Florenz waren wir übrigens nicht mehr an den typischen Touri-Hotspots, sondern in der Markthalle und am Aussichtspunkt Piazzale Michelangelo. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick auf die ganze Stadt; mein Highlight an Florenz. Ich mag die Stadt also am liebsten aus sicherer Entfernung. 

Vinci 

Das Kontrastprogramm zu Florenz: Die kleine Stadt Vinci (ja, hier wurde tatsächlich Leonardo da Vinci geboren, was man hier auch an jeder Ecke sieht. Die Restaurants heißen Mona Lisa und Leonardo; es gibt an jeder Ecke Statuen und man kann auch sein Geburtshaus besichtigen) ist einen Besuch wert, man ist aber auch schnell durch. 

Siena 

Auch hier war ich von 21 Jahren, mit dem Unterschied zu Florenz, dass ich Siena immer noch toll finde. Die Stadt war nicht so überlaufen und besticht durch kleine Gässchen, nette Restaurants und dem wunderschönen Dom. 

Pisa 

Vor Pisa hatte ich ehrlich gesagt fast schon Angst. Ich wollte mir den schiefen Turm unbedingt ansehen, wenn ich schon mal in der Nähe bin. Aber hier hatte ich mit Touristenmassen gerechnet. Wir hatten allerdings Glück, der Piazza die Miracoli war nicht überfüllt. Aber auch hier verstehe ich, weshalb die Leute hier hinfahren. Der schiefe Turm an sich ist nicht sehr spektakulär, aber der Piazza dei Miracoli mit dem Turm, dem Baptisterium und dem Dom Santa Maria Assunta ist schon einen Abstecher wert. Und am unterhaltsamsten fand ich es, die Leute zu beobachten, wie sie sich fotografieren lassen und so tun als würden sie den Turm gerade schieben oder andere interessante Gesten machen.

Lucca 

Soooooo eine schöne Stadt! Auch hier waren wir zwei Mal weil es uns hier so gut gefallen hat. Besonders schön fand ich - neben den kleinen Gassen und den sehenswerten Innenhöfen mit dem ein oder anderen süßen Restaurant - den Piazza dell' Anfiteatro, den ovalen Platz, der von gelben Häuserfronten eingerahmt wird. 

San Gimignano 

Meine persönliche Überraschungs-Stadt! Dass Lucca schön ist, hatte ich von vielen Freunden gehört. Dass San Gimignano so toll ist, hat mich überrascht. Man nennt San Gimignano auch das Manhattan der Toskana - wegen der mittelalterlichen Türme. 

In San Gimignano hab ich übrigens auch die leckersten Trüffelpasta des gesamten Urlaubs gegessen (und ich hatte viiiiieeeel Trüffelpasta…), im „Locanda di Sant´Agostino“.

Empoli 

Da wir nur 15 Minuten von Empoli entfernt gewohnt haben, waren wir auch zwei Mal hier. Eine süße, kleine Stadt. Allerdings gab es für uns einen guten Grund, nach Empoli zu fahren… Was muss man unbedingt essen, wenn man in Italien ist? Richtig, SUSHI! Und das war im „Kisso“ ganz phantastisch. Für gutes Sushi lasse ich sogar Trüffelpasta stehen. 

Volterra 

Auch eine richtig schöne Stadt. Was ich vorher nicht wusste: Volterra wird in Stephenie Meyers Biss-Romanen erwähnt und seitdem pilgern die Vampirfans hier hin. Es gibt sogar Vampir-Stadtführungen. Wir sind aber auch ohne Knoblauch und Kruzifix sicher durch die Stadt gekommen. 

San Miniato 

Noch so eine süße, kleine Stadt. Wir konnten sie von unserem Weingut aus auf einem Hügel sehen. 

Colle di Val d´Elsa 

Das Besonders an Colle di Val d´Elsa ist, dass man mit dem Aufzug von der Unterstadt in die Altstadt gelangt. Auch Colle di Val d´Elsa ist klein, süß und typisch italienisch. Von der Unterstadt aus sind wir am Fluss Elsa den Wanderweg „Il Sentierelsa“ entlang gelaufen. Eine tolle, leichte Wanderung mit einem Wasserfall am Ende. Die Elsa hat eine wunderschöne Farbe und man kann in den Wasserbecken baden. Dafür war es bei uns leider zu kalt. 

Dritter Stopp: Lago d´Iseo

Der Lago d´Iseo ist der „kleine Bruder“ des Gardasees. Er ist kleiner und weniger touristisch. Unser Hotel war in Clusane, einem schönen kleinen Städtchen im Süden des Iseosees. Ich glaube, man kann am Lago d´Iseo gar nicht schlecht essen, ob beim Streetfood Festival in Iseo oder in einem der süßen Restaurants; dazu ist das Preis-Leistungs-Verhältnis wirklich toll. Aber zwei Restaurants in Clusane kann ich wirklich nur empfehlen: „Al Porto“ und „Pane Al Sale“

 

Und auch vom Lago d´Iseo haben wir Tagesausflüge gemacht: 

 

Die Erdpyramiden in Zone 

Man kann die Erdpyramiden von einem Parkplatz aus sehen, allerdings lohnt es sich, eine ca. 1 stündige Wanderung zu machen. Der Weg ist schön und man kommt richtig nah an die Erdpyramiden ran. Der Weg ist auch sehr gut ausgeschildert.

Bergamo 

Eine tolle Stadt! Auch hier gibt es eine Unterstadt und eine Oberstadt und man kann mit der Seilbahn hin und her fahren. Wenn man übrigens schon mal in Bergamo ist und auf Süßkram steht, sollte man mal „Polenta e osei“ probieren, eine typische Süßspeise aus Bergamo. Lecker, aber wirklich sehr süß…

Monte Isola 

Von Iseo aus sind wir mit der Fähre auf die Insel Monte Isola, nach Peschiera Maraglio gefahren. Hier gibt’s mehrere Wanderwege ins Inselinnere, einen davon, den „Santuario della Ceriola“ sind wir ein gutes Stück gelaufen.

Vierter Stopp: Campill in Südtirol 

Zum Schluss haben wir uns nochmal was Schönes gegönnt. Drei Nächte sollten es werden, aber wir haben uns so in unsere Unterkunft und die Gastgeberin Simonetta verliebt, dass wir noch um eine Nacht verlängert haben. Wir hatten eine Ferienwohnung im wunderschönen Charlet Mornà, einer liebevoll restaurierten alten Mühle (Mornà ist das ladnische Wort für Mühle). Campill ist ein kleines Bergsteigerdorf mit 581 Einwohnern, sehr idyllisch und natürlich mitten in den Bergen. Hier kann man sich nur wohl fühlen. Und das Charlet war wirklich ein Traum! Eine schöne Wohnung, tolles Frühstück, ein schöner Wellnessbereich und die Gastgeber begegnen einem mit viel Herzlichkeit. Wir hatten sogar mal eine Stunde babyfrei und konnten in die Sauna gehen, weil Simonetta und ihre Töchter auf unseren Ben aufgepasst haben. 

Natürlich waren wir aber nicht nur zum Wellnessen in Campill, sondern auch zum Wandern. Und hier haben wir (unfreiwillig) eine richtige Abenteuerwanderung gemacht: Wir sind die Cendles-Runde auf 1963 Meter gemacht. Eigentlich sollte es eine mittelschwere Rundtour sein, die man easy in 2-3 Stunden gehen kann. Leider waren die Bedingungen nicht so richtig gut. Oben lag noch richtig viel Schnee und uns wurde oft der Weg durch umgestürzte Bäume versperrt, sodass wir manchmal gar nicht weiterkamen, ab und zu mussten wir einen Umweg gehen. Letztendlich waren wir 4 ½ Stunden unterwegs und waren danach ziemlich durch. 

Und so schnell war dann ein ganzer Monat Urlaub in Italien vorbei. Wir haben es sehr genossen, waren größtenteils sehr entspannt, aber auch das ein oder andere Mal ziemlich gestresst. Bevor ich selbst Mutter geworden bin, habe ich den Standpunkt vertreten „Kinder machen alles mit, man muss es nur machen“ - das muss ich mittlerweile ein bisschen revidieren: Ja, Kinder machen sehr viel mit und natürlich KANN man theoretisch alles machen, was man möchte. Aber wenn das Kind keinen Bock hat, dann kann man sich auf den Kopf stellen und seine Pläne durchsetzen, aber Spaß hat man dann nicht unbedingt. Aber wenn man ein bisschen flexibel ist, die eigenen Bedürfnisse nicht ganz vergisst und trotzdem auf die des Kindes eingeht, dann hat man die Chance, die Welt mit ganz anderen Augen zu sehen und aus dem Blickwinkel des Kindes kennenzulernen. Ich freu mich drauf, Ben die Welt zu zeigen!